Warum Abtreibung uns mehr wert sind als Geburten – oder: das Recht auf Selbstbestimmung!

Zurzeit ist das Thema Hebammen und sichere Geburtshilfe wieder vermehrt in den Medien. Im Wechselspiel mit den sozialen Medien. Was ist passiert? Der Hebammenverband und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen haben ihre Vergütungsverhandlungen abgebrochen. Eigentlich nichts, was die Öffentlichkeit bewegen sollte. Wenn da nicht ein kleines „Aber“ wäre. Denn durch die Hintertür versuchen hier die Krankenkassen Frauen ihre Selbstbestimmung zu streichen. Keine Frau dürfte – wenn das durchkommt – ihren Geburtsort mehr selbst bestimmen. Zumindest wenn die Krankenkasse die Kosten übernehmen soll. Die Ausschlusskriterien dafür beruhen auf willkürlich scheinenden Festlegungen ohne jede wissenschaftliche Untermauerung. Einer der größten Aufreger ist, dass die Krankenkassen ab einem Tag nach Stichtag (ET+1) die Kosten für eine Hausgeburt nicht mehr übernehmen wollen. 60 Prozent der Kinder kommen nach dem Stichtag zur Welt, da eine Schwangerschaft natürlicherweise bis zu 42 Wochen dauern kann, der Stichtag aber in der 40. Woche liegt. Es ist auch kein Tag, an dem Komplikationen schlagartig zunehmen. Diese Festsetzung des ET+1 ist also kompletter Nonsens. Er gilt zwar „erstmal“ nur für die ausserklinische Geburt – und davon „nur“ die Hausgeburt. Und natürlich auch nur dafür, dass die Krankenkassen diese Wahl bezahlen.

Was aber in Wirklichkeit passiert, ist das hier den Frauen ihr Wahlrecht auf Selbstbestimmung genommen wird. Einfach so. Fernab jeder wissenschaftlich bewiesenen Grundlage.

So, jetzt kann man ja sagen: „Geht mich nichts an.“ Ich will keine Kinder (mehr), ich bin ein Mann, ich bin zu alt, ich bin zu jung, die Spinner mit ihrem Hausgeburtswunsch können ja auch in die Klinik gehen, Hauptsache, das Kind ist gesund, und so weiter und so fort.

Darum geht es aber nicht – die Entwicklung geht alle etwas an. Weil hier einfach erwachsene Menschen entmündigt werden sollen. Mich erinnert die Diskussion an die Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218 in den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts. Oder besser gesagt: leider nicht! Denn da haben (prominente) Frauen öffentlich im Stern zugegeben, abgetrieben zu haben – und die Diskussion so erst richtig angeschoben. Nach Beratung kann jede Frau für sich selbst entscheiden, was sie in einem solchen Fall tut – von der Krankenkasse übrigens wird die Abtreibung bezahlt. Nach den Ansichten der Krankenkassen dürfte zukünftig eine Frau bei einer Geburt – nach, wie bisher auch, fachkundiger Beratung – nicht mehr für sich entscheiden: nach den neuen Kriterien entscheidet nämlich der Arzt und die Frau hat kein Wahlrecht mehr! Da bekommt der Slogan „Mein Bauch gehört mir“ noch mal eine ganz andere Bedeutung!

Eine Abtreibung ist aus meiner Sicht jetzt keine wünschenswerte Situation und ich denke, dies wird auch keine Frau für sich leichtfertig entscheiden. Ich finde es allerdings gut, dass Frauen die Wahl dazu haben, sie durchführen zu können. Sie haben ihre Gründe. Und genau darum geht es: man muss es im Zweifel persönlich nicht machen, gutheissen oder unterstützen, aber man steht anderen die Freiheit zu, ein Wahlrecht zu haben und dies zu nutzen. Und ganz ehrlich ist mir die öffentliche Diskussion, die jetzt grad zu (ausserklinischen) Geburtshilfe noch nicht prominent genug. Ausser Nena und Nina Hagen hat sich niemand gerührt. Wo bleibt den jetzt Feministin Nr. 1 Alice Schwarzer mit ihrer Emma und schreit auf dem Titelblatt auf? Wo ist eigentlich unsere Familienministerin Manuela Schwesig, um den komplett tatenlosen Hermann Gröhe mal mit ihrer sonst vorhandenen Power bei diesem Thema zu unterstützen? Und was macht der stern?

Ich reg mich vor allem auf, weil ich Eingriffe in die Entscheidungsfreiheit hasse. Hej, ich müsste dafür gar nicht kämpfen. Ich hab meine wunderbaren Kinder so bekommen, wie ich es mir gewünscht habe – mit Beleghebammenbetreuung in der Klinik und mit zwei wunderbaren Hebammen zu Hause. Ich könnte es mir leisten, eine Hausgeburt auch privat zu zahlen, auch weil es mir das wert wäre. Ich habe das Glück der Zeit gehabt, dass bei mir noch alles so möglich war. Aber für meine Freundinnen mit Kinderwunsch, meine Patentöchter, meine zukünftigen Schwiegertöchter, für alle Frauen (und für die dazugehörigen zukünftigen Väter) will ich Wahlfreiheit – und die Geburt an dem Ort der Wahlfreiheit mit der fachlichen Wunschbegleitung. 

Denn was wird voraussichtlich passieren? Der evidenzlose Kriterienkatalog, den die Krankenkassen da grad in den Gebührenverhandlungen durchsetzen wollen, wird wahrscheinlich dann auch auf Geburtshäuser ausgeweitet werden. Und irgendwann wird er dann den Katalog für Interventionsvorgaben im Krankenhaus beeinflussen. Die natürliche Geburt funktioniert in ihrem biologisch-hormonellen Ablauf aber nur ohne oder mit wenig Interventionen. Nur weil es für uns mittlerweile normal ist, von Einleitungen, vorsorglichen Kaiserschnitten und Wehentropf zu lesen oder zu hören, heisst es nicht, dass diese Eingriffe auch normal und sicher SIND. Sie haben in Fällen ihre absolute Berechtigung, sollten aber nicht wahllos gestreut werden – nur um Geburten zu beschleunigen oder einen Arzt etwas „tun“ zu lassen. Der französische Gynäkologe Odent sagte, man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um sich zurückzuhalten. Interventionen ziehen meist weitere nach sich und damit die höhere Wahrscheinlichkeit für Komplikationen. Oder wie Hebamme Anja von www.zockt.de geschrieben hat: sie war nicht mutig für eine Hausgeburt, sondern zu feige, in ein Krankenhaus zum Gebären zu gehen. Aus Angst vor Eingriffen oder übergriffigem Verhalten. Und da schliesse ich mich an.

Wer es nicht weiss, es gibt in Deutschland, Europa und der Welt wissenschaftliche Studien en masse, die die statische Auswertung von Geburten jedweger Art begleiten. In diesen ist mehrfach bewiesen worden, dass die hebammengeleitete Geburt mit Eins-zu-eins-Betreuung durch Hebammen die sicherste Variante bei risikoarmen Schwangerschaften ist (also der überwiegende Teil) – egal, ob in Klinik, Geburtshaus oder zu Hause. Diesen Fall haben wir aber gar nicht mehr. In den Krankenhäuser hetzt eine Hebamme zwischen drei bis vier Geburten hin und her. Kaiserschnitte müssten laut Weltgesundheitsorganisation bei 12 bis 15 Prozent der Geburten der notwendig sein, werden aber im Schnitt in 30 Prozent der Fälle im Deutschland durchgeführt, in manchen Krankenhäusern bei über 50 Prozent der Geburten. Kaiserschnitte sind in Notfällen ein Segen! Aber sie bergen ebenfalls gesundheitliche Risiken für Mütter und Babys. Sie sollten also nicht wahllos eingesetzt werden, nur weil sie bequemer sind oder mehr Geld bringen. Krankenhäuser allerdings sind Wirtschaftsbetriebe – und danach wird derzeit vermehrt gehandelt. Ebenso wie nach der Tatsache, dass keiner strafbar gemacht werden will und lieber zu früh in Geburten interveniert als zum gegebenen Zeitpunkt.

Keine – aber auch wirklich KEINE – Mutter will ihrem Kind Risiken aussetzen. Sie wird also wirklich alles tun, was notwendig ist, um es zu schützen. Aber wann ist etwas wirklich notwendig? Und wie soll man dies gegebenfalls in einer Ausnahmesituation wie einer Geburt noch bewerten? Und nein, es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Und auch nicht, wie wir Frauen unter der Geburt behandelt werden. Glück und Frieden fängt im Kleinen an. Wir gebären Kinder, wir werden nicht entbunden. Von dieser Haltung ist bei Ärzten allerdings leider nicht immer etwas zu spüren. Wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung – insbesondere unter Geburt. Und dieses Recht auf Selbstbestimmung werden wir zum Schutz unserer Kinder und unserer Körper und Seelen auch bedacht ausüben.

Mit der Wahl des Geburtsortes bestimme ich die Situation, in der ich mich wohl fühle und wer mich in dieser „offensten“ Situation begleitet. Das Recht hat jede – und es darf nicht genommen werden. Hebammen sind die Fachfrauen für Geburt (und für alles davor und danach) und müssen – sogar laut Gesetz – bei einer Geburt anwesend sein, ein Arzt nicht zwingend. Hebammen verdienen eine ausreichende Vergütung für ihre harten Job. Denn ohne Hebammen sind viele Familien aufgeschmissen in emotional-körperlich belastenden Situationen wie Schwangerschaft, Geburt und erst recht im Wochenbett. Es gibt aufgrund der finanziellen Belastung durch die exorbitant gestiegenen Versicherungen aber immer weniger Hebammen, die Frauen begleiten. Und auch die Kliniken schliessen wegen der hohen Versicherungsgebühren ihre Geburtsstationen, so dass Frauen unter Wehen 90 Minuten bis zum nächsten Krankenhaus fahren müssen. Das ist gefährlich! Bezüglich der gestiegenen Versicherungsprämien: es sind übrigens sind nicht die Schadensfälle gestiegen (rund 10 bis 12 pro Jahr insgesamt, wobei fast alle in den Kliniken geschehen und nicht in ausserklinischen Geburten), sondern die Versicherungsfälle sind aufgrund der höheren zugesprochenen Summen und längeren Lebenswahrscheinlichkeit der teilweise schwerbehinderten Kinder wesentlich teurer geworden.

Was das mittlerweile tatsächlich fühlbare Hebammensterben ausmacht, haben wir schon im Freundeskreis gesehen. Frauen, die dringend nähere Hebammenbegleitung bräuchten, bekommen keine und sind dadurch hoch emotional belastet. Dass das für die Schwangerschaft gut ist, kann mir keiner erzählen. Im Gesamten sind es nur Statistiken, aber hinter jeder Zahl steht ein einzelnes Schicksal. Wenn wir als Gesellschaft eine gute Mutter-(Vater-)Kind-Bindung stützen wollen (etwa um Kindesmisshandlungsfällen oder „nur“ seelischen Folgen in Familien vorzubeugen), brauchen wir gute Begleitung in der Anfangszeit einer Familie!

Selbstbestimmung und adäquate Betreuung sollte uns mehr wert sein als es jetzt ist. Geburt darf keine Privatleistung werden. Jede Frau darf entscheiden, wie sie gebären will. Kämpft dafür als Gesellschaft! Oder unterschreibt bitte zumindest die Online-Petition auf change.org www.change.org. Das ist, was jeder tun kann, um Frauen, Freundinnen, Mütter und Töchter zu unterstützen.

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8 Antworten zu “Warum Abtreibung uns mehr wert sind als Geburten – oder: das Recht auf Selbstbestimmung!

  1. Fabelhafter Aufruf!!!! Ich habe sofort teilgenommen und geteilt! Ich habe meinen Sohn vor genau einem Jahr in einer babyfreundlichen Klinik zur Welt gebracht und ich würde das immer wieder tun! Nicht selber entscheiden zu können, in welcher Klinik ich mein Kind ins Leben begleite, ist für mich unvorstellbar!

    Liebe grüsse

    mariansmama

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  2. Hat dies auf mariansmama rebloggt und kommentierte:
    Hallo ihr Lieben,
    das ist ein Fabelhafter Aufruf!!!! Ich habe sofort teilgenommen! Ich habe meinen Sohn vor einem Jahr in einer babyfreundlichen Klinik zur Welt gebracht und ich würde das immer wieder tun! Nicht selber entscheiden zu können, in welcher Klinik ich mein Kind ins Leben begleite, ist für mich unvorstellbar! Wenn euch dieses Thema auch bewegt, rufe ich euch dazu auf auch an dieser Petition teilzunehmen!

    https://www.change.org/p/geburt-darf-keine-privatleistung-werden-gegen-die-wirtschaftlich-optimierte-geburt-elternprotest?recruiter=293657397&utm_source=share_petition&utm_medium=whatsapp

    Liebe grüsse

    mariansmama

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  3. Hat dies auf autoimmunpaleoautoimmunprotokoll rebloggt und kommentierte:
    Wer mit Autoimmunerkrankungen zu kämpfen hat, hat meist einige Erfahrungen mit Ärzten und Krankenhäusern gesammelt. In den wenigsten Fällen, waren diese Erfahrungen positiv. Für mich stand deshalb schon vor der Schwangerschaft fest, dass ich nicht in einem Krankenhaus entbinden möchte, es sei denn, es wäre aufgrund von Komplikationen unumgänglich. Momentan muss ich jedoch um eine außerklinische Geburt fürchten, aufgrund der Entwicklungen in der Geburtshilfe-Politik in Deutschland. Die Verhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den Hebammen wurden abgebrochen, da der GKV evidenzlose Kriterien für den Ausschluß von Hausgeburten fordert. Warum uns das alle etwas angeht, erklärt dieser Blogbeitrag ganz wunderbar: https://ganzheitlichleben.wordpress.com/…/warum-abtreibung…/
    Bitte unterschreibt die Petition https://www.change.org/p/geburt-darf-keine-privatleistung-w… wenn ihr das Selbstbestimmungsrecht der Frauen schützen wollt (sei es das eurer Töchter, eurer Schwestern, eurer Nachbarin…).

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  4. Pingback: Adieu Hebamme?! - Nestling·

  5. Pingback: Die Hebammenproblematik. Erneut. Immer noch. Immer wieder. | My Life in Words·

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